Wir sehen nur 5% aller Facebook-Meldungen? So stimmt das nicht ganz.

von: Benjamin Buhl Datum: am 24.10.2010
Mitte dieser Woche ging diese “Schreckensnachricht” durchs Netz: Facebook Newsfeed-Filter – Wir bekommen nur 5% aller Meldungen überhaupt zu sehen. Wirklich?
Screenshot © 2015 Facebook Inc.
Screenshot © 2015 Facebook Inc.

Ums vorweg zu nehmen: ganz so dramatisch ist es nicht und die Frage ist doch eher, was das jetzt für den Nutzen von Facebook bedeutet, oder?
Nun gut, ich hab mich schon öfter und viele Nächte damit auseinandergesetzt, ein bisschen zu testen und zu probieren. Und ich habe es aufgrund des Artikels erneut getan. Zuerst stellt sich mir mal die Frage, warum hauptsächlich die ganzen Marketing- und Kommunikations-Menschen bei dem Artikel aufgeheult haben? Gilt das jetzt für Profile oder für Pages (was diese Leute ja in erster Linie interessiert)? Weil von Pages wird im Artikel gar nicht gesprochen…

Vielleicht kann ich meine Gedanken und Erfahrungen dazu auch auf einen Satz zusammenfassen: Das alles ist halb so wahr wie sonstige Geschichten über Facebook. Wie oft hätte Facebook nicht schon Geld kosten sollen. Ab nächstem Monat? Oder dem übernächsten?

Ums ein bisschen ausführlicher zu machen: Ich habe mir mal spontan 30 “Bekannte” auf Facebook ausgesucht und bin so lange die News weiter in die Vergangenheit zurück gegangen, bis ich wirklich von jedem mindestens eine “Meldung” bekam. Und natürlich waren es nicht alles Hauptmeldungen, da es einfach sehr viele User gibt, die außer “Gefällt mir” klicken, nur lesen oder ein bisschen spielen und chatten; und sonst nicht viel machen (und das nicht nur bei Facebook). Und bei den 30 Personen waren auch welche dabei, denen ihre Beiträge ich noch nie geliked oder kommentiert, geschweige denn deren Seiten besucht habe. Und die sind zufällig bei “meinen 5%”? Wohl kaum.

Dazu kommt, dass ich laut Artikel “Popular Kid” bin (also weit mehr als 600 Kontakte habe). Somit dürfte ich die Meldungen der Personen mit weniger als 50 “Bekannten”und kaum Aktivität eigentlich gar nicht sehen, oder? Egal wie lange ich mit diesen “befreundet” bin…

Hier spielt sicher die Relevanz eine Rolle, bzw. genauer gesagt mein Social Graph (also mein Netzwerk). Und da hat der Artikel in gewisser Weise recht – leider bringt er das nur nicht so rüber: Bei den “Hauptmeldungen” wird automatisch schon mal vorselektiert. Hier erscheinen nur richtige Statusmeldungen und Meldungen, die meine “Freunde geliked oder kommentiert haben – und damit sozusagen für mich schon mal ein bisschen “selektiert”. Dabei ist natürlich entscheidend, wer liked und wieviele. In diesem Punkt hat der Artikel recht. Die Hauptmeldungen sind quasi das wichtigste im Überblick – so für zwischendrin mal schnell zum scannen.

Gehe ich nun aber auf “neueste Meldungen” (und diese sind so prominent dargestellt, dass ein Gros der User diese auch anklickt), dann bekomme ich alles – wer mit wem befreundet ist, in welcher offenen Beziehung zu welchem neuen Profilbild steckt und was so alles kompliziert ist – also höchst interessant ;)

So long. Und dann gibt’s eben ganz unten rechts (oder unter dem Pfeil oben rechts neben “Neueste Meldungen”) auf der Facebook-Wall noch den “Weitere Optionen”-Button. Wo ich sehe, wen ich verborgen habe. Und ja, verborgen heißt, dass ich nichts von ihm lesen möchte und nicht, dass er zu den angeblichen 95% gehört, die mir Facebook nicht anzeigt. Wie das geht: siehe Punkt 4 im Artikel.

Jetzt aber nochmal zurück zu den 5%. Was gar nicht beachtet wurde, ist die mobile Nutzung. Die iPhone-App zeigt zum Beispiel alle “Live-Meldungen” (hier: Statusupdates, Bilder, Videos, Links, CheckIns, etc. – nicht: neue “Freundschaften” oder Beziehungsveränderung) an, egal ob eine Person verborgen ist oder nicht. Und das auch völlig unabhängig von der Anzahl der Likes und Kommentare – sprich diese automatische Vorfilterung durch Facebook und meine Freunde trifft hier nicht zu. Und bekanntlich ist gerade bei FB die mobile Nutzung durchaus nicht zu vernachlässigen.

Was dazu kommt: Wenn wir mal die durchschnittliche Aufenthaltsdauer und sonstige Statistiken zu Facebook anschauen, dann sehen wir auch, dass nicht nur mal kurz der Newsfeed gescannt wird und ein bisschen gechattet, sondern eben auch Pages und Profile besucht werden und dort die letzten Updates gelesen und Bilderalben durchgeklickt werden. Wie ist denn dieses Verhalten in die 5%-Berechnung mit eingeflossen? Gar nicht, würde ich jetzt mal behaupten.

Letzte spannende Frage – und hier nochmal zum Aufheulen der Seiten-Betreiber: Bei den Pages (also das wirklich wichtige für die Unternehmen) habe ich ähnliche Erfahrungen gemacht wie unten beschrieben: Manchmal werden die Meldungen gar nicht angezeigt. Das liegt meist daran, dass der Post einfach eher mittelinteressant ist und deshalb auch keiner mit wenig Kontakten “Gefällt mir” klickt. Erst bei einigen Klicks und Kommentaren der “kleinen” User kommt man auch in den Stream der “Populars”. Und auch hier gilt: diejenigen, die viel Klicken und kommentieren bekommen die Meldungen eher, weil sie durch die starke Interaktion die Affinität zum Unternehmen/Produkt/… deutlich machen und somit haben nahezu alle Posts der Page für sie Relevanz (nach Adam Facebook oder so). Dennoch: auch Meldungen von Seiten, bei denen ich keine Interaktion zeige werden mir immer wieder dargestellt (in den Hauptmeldungen!). Und auch dann, wenn sie ganz “frisch” sind und erst wenige Likes und Kommentare haben. Teilweise sogar von Menschen, mit denen ich nicht direkt auf Facebook vernetzt bin. Spannenderweise aber teilweise auf anderen Plattformen. Manchmal bin ich mir auch nicht sicher, ob das Erscheinen mancher Posts nicht auch mit irgendwelchen Bugs bei Facebook zusammenhängt – auch hier schon viel getestet und alles deutet darauf hin, aber das mal nur eine reine Spekulation…

Das mal zu meiner Interpretation. Was bleibt als Fazit? Der Artikel hat die ein oder anderen guten Ansätze drin – diese aber a) zu wenig durchleuchtet b) einige wichtige Faktoren (z.B. Thema mobile) überhaupt nicht berücksichtigt und c) manches vielleicht richtig gemeint, aber falsch beschrieben. IMHO sind die 5% (egal wie ich sie auslege) schlichtweg falsch. Dass nicht alles bei Facebook genau analysierbar ist, ist klar. Aber manchmal hilft es auch nur mal ganz einfach aus Sicht des Durchschnitt-Users an die Sache herangehen und sich solche Aussagen und was das in absoluten Zahlen bedeutet mal genauer ansehen.

Was zählt ist die Relevanz. Und zwar für den Gast/Kunden/den, der mir letzten Endes das Geld bringt (ums mal ganz salopp zu sagen). Und das ist von Facebook völlig unabhängig, sondern war schon immer so und wird auch immer so sein.



Über den Autor

Benjamin Buhl

ist geschäftsführender Gesellschafter der netzvitamine GmbH. Seine Beratungs-Schwerpunkte sind die erfolgsorientierte Konzeption digitaler Prozesse und Projekte, die Optimierung im eCommerce sowie das Online Reputation Management.

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