Google+ aus touristischer Sicht: Reiseplanung mit Vertrauenssiegel

von: Benjamin Buhl Datum: am 03.07.2011
Seit vergangenen Dienstag schlägt Google mal wieder richtige Wellen (oder in Googles Sprache: “zieht seine Kreise”) – und um’s vorweg zu nehmen: Mit Google+ ist der Suchmaschine eine strategische Meisterleistung gelungen.
(c) Screenshot 2015 Google Inc.
© Screenshot 2015 Google Inc.

Das neue soziale Netzwerk ist in aller Munde und es scheint, als hätte Google aus der Vergangenheit gelernt. Ich will jetzt sicher nicht auf den Zug aufspringen und sagen, dass z.B. Wave schlecht war; aber imho kam es einfach zu früh für den Mainstream und war zu komplex.

Was Google+ nun alles kann und macht, muss ich an dieser Stelle nicht ausführlich darstellen; der offizielle Artikel von Google mit Video-Erklärungen zeigt das sehr gut. Die wichtigsten Elemente sind:

  • Circles: Kreise, in die ich meine Kontakte zuordne (Freunde, Familie, berufliche Kontakte, etc.) – und das simple via drag&drop.
  • Hangouts: Videochat mit bis zu 10 Personen gleichzeitig (kostenfrei – von daher: was war nochmal Skype?).
  • Sparks: Interessen/Vorlieben/Themen, zu denen ich Informationen suche, über die ich in meinen Kreisen diskutiere, Fragen stelle, usw.
  • mobile Nutzung: schon jetzt sind iPad & iPhone-WebApp um einiges geschmeidiger als bei manch anderem großen Social Network die nativen Apps; Android-Endgeräte sind mit Google+-Native-Apps sogar noch ein ganzes Stück weiter. Überall und jederzeit kann ich auf das zugreifen, das teilen und fragen, was mich in der aktuellen Situation am meisten beschäftigt. Bekannte Funktionen wie Einchecken und Inhalte von unterwegs teilen, werden um Huddle (mobiler Gruppenchat für die schnelle Aktivitäten-Abstimmung mit vertrauten Personen in meiner Nähe) ergänzt und machen den sozial-digitalen-Sofortaustausch noch ein Stück mehr “daily business”.

Alles in Kombination macht Google+ so rund. Standardfeatures wie der klassische Googlemail-Chat (= Talk) bleiben erhalten und können direkt aus Google+ heraus genutzt werden. Natürlich ist noch nicht alles voll ausgereift und sicher wird in den nächsten Wochen und Monaten noch optimiert, aber jetzt schon zeigt sich deutliches Potenzial. Es scheint, als wenn Google die besten Eigenschaften bestehender Plattformen und Dienste zusammengeführt hat. Nicht jeder muss gleich “Freund” werden, ein mitlesen/abonnieren ist (für alle öffentlichen Beiträge) auch einseitig möglich; Datenschutz und Privatsphäreeinstellungen sind deutlich nutzerfreundlicher und unkomplizierter, und und und.

Strategisch betrachtet hat Google das Ganze wirklich gut aufgebaut: Im März wurde der +1 Button eingeführt. Damals noch von dem ein oder anderen belächelt; spätestens jetzt kommt keiner mittelfristig mehr drum herum. Die Anzahl an aktiven Google Plus-Nutzern wird rapide zunehmen - und damit steht außer Frage, wo die Reise hingeht. Vor kurzem folgte dann die Freischaltung der Social Search in Deutschland; hier war das Manko “nur wenn man bei Google angemeldet ist, sind wirklich merkliche Auswirkungen sichtbar” - was so ganz auch nicht stimmte. Hinzu kommen der Ausbau von Places (inkl. Hotpot ), Latitude, usw. Und jetzt? Jetzt wird alles zusammengenommen und die Weiterentwicklung könnte (in Bezug zum Tourismus) so aussehen:

  • Einchecken an “echten” Plätzen, die eben auch als Places bei Google hinterlegt sind filtert die ganzen Spielereien von Sofa bis Schlange vor dem Supermarkt heraus und zeigt Checkins zu wirklich wichtigen POIs an – und nicht jeden Schmarrn (ich nehm mich da nicht aus, in der ganzen Facebook- und Foursquare-Euphorie legt man schonmal Orte an, die kein Mensch auf dieser Welt wirklich braucht ;)). Und: das wird zunehmen, denn neben Latitude (was über kurz oder lang mit Google+ verknüpft werden wird), kann jeder einfachst aus einem ganz normalen Post heraus einen Checkin durchführen; simpler geht’s kaum.
  • Unternehmenspages wie wir sie bei Facebook kennengelernt haben bekommen einen ganz anderen Stellenwert: Eine Verknüpfung mit Google Places ist in meinen Augen so sicher wie Sonnenschein nach Regen; und damit enthalten Unternehmensseiten hier Bewertungen, Preisvergleiche mit Buchungsmöglichkeit, usw. – also eine enorme Erleichterung sowohl für den suchenden Gast, als auch für den Anbieter, der sich keine Gedanken mehr über Tabs und I-Frames usw. machen muss und damit versucht ist, aus einer kommunikationsorientierten Plattform eine 1.0-Seite zu machen. Im Gegenteil. Aus Kundensicht herrscht einigermaßen Einheitlichkeit und das beste (nicht das günstigste!) sowie meist “geplusste” Angebot gewinnt – wobei die Anzahl der “Plusse” unweigerlich durch die Angebotsqualität (nicht den Preis!) beeinflusst wird. Und die Unternehmensseiten werden sehr bald kommen ; wenn auch vorerst nur “Brandpages” – was sicher kein Nachteil ist, denn irgendwelche Brezelseiten o.ä. sind witzig, auf Dauer und bei intensiverer Nutzung aber einfach nur anstrengend.
  • mobiler Nutzen für den Gast: die Entscheidung vor Ort (in welches Restaurant ich gehen soll zum Beispiel) wird enorm erleichtert. Places in meiner Nähe werden mir mit Bewertungen der einschlägigen Portale aber gleichzeitig auch mit aktuellen Beiträgen meiner Netze/Kreise aus Google+ angezeigt, bei sauberer Pflege des Eintrags durch den Inhaber sogar die Speisekarte, Telefonnummer usw; und dann auch gleich die Wegführung dorthin via Google Maps. Da stehen alle mir bekannten LBS (Location Based Services) ganz schön nach. Hinzu kommt, dass in nicht allzu ferner Zukunft die frei zugängliche Navigationssoftware von Google (welche sehr stark auf Places setzt) weitere Verhaltensänderungen aufzeigen wird.
  • Grundgedanken aus der Suche heraus: Ich habe schon mehrfach gesagt, dass ich einen Vergleich Google vs Facebook nicht für angemessen halte, da Facebook einfach keine vernünftige Suche hat, genauso wenig, wie Google bisher ein Social Network war. Letzteres hat sich nun geändert; der Vergleich hinkt jedoch immer noch. Ich persönlich glaube einfach nicht daran, dass die Menschen nicht mehr suchen und ihnen alles zugeflogen kommt. Vielmehr wird die Inspiration (im Sinne der Customer Journey) bei der Suche stattfinden und durch die Inspiration nach weiterführenden Inhalten gesucht werden. Und das zukünftig immer mehr in meinen vertrauten Kreisen (also direkt in Google+, durch eine Funktion wie Sparks). Form und Kontext entscheiden – Content ist nur die Basis, niemals King. Und: wer kann das besser abdecken als DIE Suchmaschine Google?
  • Auswirkung auf die Suchergebnisse (SERPs): Alles was bisher schon da ist – und alles, was noch so wie hier beschrieben (oder in ähnlicher Form) kommen wird hat irgendwie – direkt oder indirekt – Auswirkung auf die Suchergebnisse. Seit der Einführung von Google+ sogar um ein vielfaches mehr. Und das ist gut so. Linksammler und Keywordakrobaten sollten schleunigst anfangen, Inhalte bereit zu stellen, die für den Gast geschrieben werden, für dessen Circles – und damit wiederum für deren Reiseentscheidung. Und nicht für irgendwelche Maschinen, weil die machen mir meine Betten sicher nicht voll. +1 ist ein (nicht zwingend das) neue liken. Für alle, die Google Chrome als Browser nutzen:"“plussen” in der URL-Leiste":https://chrome.google.com/webstore/detail/kmonhedbcpagbphilnoajiencllnpoii# ist ein netter Zusatz, der bisher dagewesenes in Bezug auf die Social Search in den Schatten stellt; einfacher und schneller geht’s kaum.

Was heißt das jetzt für touristische Unternehmen?

Google+ ist in meinen Augen ein guter und willkommener weiterer Schritt in Richtung Qualitätssteigerung im Tourismus. Und das nicht nur, weil eine gewisse Filterung durch eine andere Herangehensweise an Unternehmensseiten (s.o.), etc. schon automatisch ein qualitativ hochwertigeres Social Network vorgeben, als wir es bisher kennen. Alle, die bisher laut geschrien haben, dass die Einführung des Hotelpreisvergleichs bei Google Maps dazu führt, dass der Gast sich nur noch für den Preis interessiert, werden mir vielleicht jetzt Glauben schenken, wenn ich schreibe, dass dem nicht so ist. Der “Kampf” um den Gast wird mit der besseren Leistung (Service auf allen Kanälen eingeschlossen), einer sauberen, integrierten Kommunikationsstrategie und mit den wirklichen Stärken (USPs und innovative, mehrwertstiftende Produkte) gewonnen; und (nochmal zur Verdeutlichung) eben nicht mit den keywordlastigeren Texten, Content ohne Punkt und Komma oder sonst was, was es da so alles gibt. Der +1-Button hat ein gewisses Potenzial, das Vertrauenssiegel bei der Reiseplanung (innerhalb Googles) zu werden. Ergebnisse, die mir Meinungen meiner (Bekannten-)Kreise direkt anzeigen und symbolisieren zeigen mir, dass ich hier richtig bin und weiterklicken kann – und im nächsten Schritt sogar noch viel mehr Infos dazu aus meinen Netzen bekomme, die redaktionelle Inhalte der Anbieter ehrlich und nutzenstiftend ergänzen.

Ich will sicher kein Loblieb auf Google ausstoßen, aber manchmal hilft es ungemein, wenn wir die “Traffic-Brillen” und “Google-ist-pauschal-böse-Scheuklappen” abnehmen und uns in den Gast versetzen – so wie er ist; nicht so, wie wir ihn gern hätten. Und dann anfangen aus der Suche heraus zu denken. Dann verstehen wir auch den ein oder anderen Schritt von Google sehr viel leichter. Und auch wenn all dies dem ein oder anderen (sehr) weh tun wird und Google damit eine sehr bedeutende Rolle in der Reiseplanung einnimmt: Nutzen Sie die Chancen aus Sicht Ihrer Kunden und machen Sie das beste daraus; vom Schimpfen ist weder Ihnen, noch Ihrem Kunden/Gast geholfen.

Für DMOs bedeutet das nun allerhöchste Eisenbahn, Strukturwechsel anzustoßen und umzudenken – und zwar aus dem Social Web heraus, orientiert an Werten und nicht an Zielgruppen. Vor allem in Bezug auf ihre Aufgaben- und Berufsfelder; denn hier haben wir deutlich Aufholbedarf. Dass das Web und Google und Facebook nicht die heile Welt sind, ist klar. Doch mit dieser Einstellung kommen wir leider nicht voran. Google+ hat uns vergangene Woche eine weitere Aufgabe gestellt, die es zu meistern gilt; unmöglich ist dies jedoch nicht! Sehen Sie es also als Chance, jetzt hinzusitzen und strategisch eine integrierte Kommunikation aufzubauen, Ihre Leistungsträger vor Ort fit zu machen, usw. Google+ wirft so viele Dinge zusammen, die (online) networken wirklich Spaß machen lassen; sorgen Sie dafür, dass Sie Teil dieses Spaßes für Ihre Gäste sind.

Und zum Schluss

Wer noch ein paar Argumente braucht, warum Google+ als neues soziales Netzwerk nicht nur Potenzial hat, sondern heute eigentlich schon gesetzt ist, bekommt bei t3n 10 weitere gute Gründe . Wer sich schon ein bissle umgeschaut hat im “Plus” (im Moment noch nur per Einladung an Googlemail-Adressen möglich; bei Bedarf gerne Email an info@netzvitamine.de schicken), freut sich sicher über viele hilfreiche Funktionen, die bei anderen Social Networks längst überfällig sind – auch dazu hat t3n die passenden Tipps . Auch nett: die ersten Applikationen sind bereits da, um Facebook-Freunde oder auch seine Facebook-Fotos auf Google+ zu exportierten.

Um Facebook nicht ganz zu vernachlässigen (so schnell wird die Nutzerschaft nicht das Netzwerk wechseln): natürlich wird auch Facebook in den kommenden Wochen nachziehen und den ein oder anderen Schritt unternehmen, um Facebook “wieder” attraktiver zu machen. Dieser Beitrag soll auch nicht bedeuten, dass es ab morgen kein Facebook mehr gibt; jedoch auch an dieser Stelle nochmal: beide Plattformen sind nicht vergleichbar. Für Google+ wird es definitiv kein Fingerschnalzen, um einen ähnlichen “Kundenstamm” zu erreichen, wie ihn Facebook im Moment vorweisen kann. Viele werden mit den Social Media so langsam erst warm, erkennen nach und nach erst Chancen und Risiken und sind teilweise im Moment noch mit Facebook allein überfordert. Dass diese jetzt gleich alle überlaufen, wird nicht der Fall sein; aber oben beschriebenes verdeutlicht den Anspruch und das enorme Potenzial von Google+ (gerade im Tourismus). Von daher: es bleibt spannend… ;)

[Update: 2011-09-20]

Google Plus ist ab sofort auch ohne Einladung und für “jedermann” zugänglich – und zudem gibt es einige neue Funktionen. Die iPhone- und Android-App ist ja schon einige Zeit kostenlos im jeweiligen App-Store downloadbar. Weitere Infos gibt’s direkt im Google Blogpost dazu.



Über den Autor

Benjamin Buhl

ist geschäftsführender Gesellschafter der netzvitamine GmbH. Seine Beratungs-Schwerpunkte sind die erfolgsorientierte Konzeption digitaler Prozesse und Projekte, die Optimierung im eCommerce sowie das Online Reputation Management.

Ähnliche Artikel


© 2012 Google Inc.

#XY hat das geteilt: Soziale Suche wird eingedeutscht

von: Benjamin Buhl

Über die englischsprachige Googlesuche, also google.com, ist die sogenan…

Lesen

© netzvitamine GmbH

#Infografik: Der deutsche Online-Reisemarkt im März 2014

von: Stefan Möhler

Auch dieses Jahr machten im Vorfeld und zum Start der ITB wieder ein paa…

Lesen

© 2013 Google Inc.

#"Wer suchet, dem wird gefunden" – schöne neue Suchwelt?

von: Oliver Knagge

Mit dem Start 1996 revolutionierte Google die Suchlogik im World Wide We…

Lesen

© netzvitamine GmbH

#Infografik: Der Onlinemarkt in Deutschland - März 2015

von: Stefan Möhler

Wie jedes Jahr wurden im Rahmen der Internationalen Tourismusbörse in Be…

Lesen



NEU: Werkschau DCHH16

Druckfrische Ergebnisse der 6. Kreativ- und Zukunftswerkstatt im Tourismus

Hier bestellen
© 2016 netzvitamine GmbH | Impressum | Datenschutz | Glossar