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Blockchain im Tourismus - Revolution zwischen Hype und Hoffnung

von: Leonardo Neumann Datum: am 22.02.2018
Blockchain - jeder spricht drüber und doch herrscht bei vielen noch Unklarheit. Was ist das für eine neue Technologie? Was kann sie und wo wird sie schon heute eingesetzt? Wir geben speziell für die Tourismusbranche einen Einblick zum aktuellen Stand der Entwicklungen.

Es steht außer Frage: Blockchain war eines der Buzzwords 2017 und wird uns in diesem Jahr noch intensiver begleiten. Der Öffentlichkeit ist Blockchain vor allem durch Bitcoins und den mittlerweile vielen anderen Kryptowährungen bekannt geworden, die mal durch kometenhafte Kursgewinne und keine Woche später durch plötzliche Talfahrten Schlagzeilen von sich machen.

Fakt ist aber auch, dass die Blockchain-Technologie mittlerweile von einigen Unternehmen in der Finanzindustrie und anderen Branchen getestet und teilweise sogar im Echtbetrieb angewendet wird. Wo die Reise hingeht, darüber sind sich Experten allerdings noch nicht einig. Der Hype um Bitcoin, die Geschwindigkeit mit der sich die Währung verbreitet hat sowie die bereits sichtbaren globalen Auswirkungen auf Wirtschaft, Staaten und Gesellschaft lassen jedoch erahnen, welche Folgen die zugrundeliegende Technologie - die Blockchain - in Zukunft haben kann.

Ob Hype oder Hoffnung - wir denken, die Zeit ist reif, hinter die Blöcke zu schauen und mögliche Auswirkungen auf die Tourismusindustrie zu betrachten.

Grundlegend: Was ist eine Blockchain?

In erster Linie kann man sich die Blockchain als ein digitales Kontobuch vorstellen. Findet eine Transaktion - nicht spezifisch eine Geldtransaktion, sondern auch Datentransfer allgemein - statt, werden die entsprechenden Transaktionsdaten auf der Blockchain in einem Block (sozusagen auf einer Seite im Kontobuch) registriert, verifiziert, anschließend gespeichert, verschlüsselt und an die Blockchain angehängt. Eine Besonderheit hierbei ist, dass das Kontobuch bzw. die Blockchain nicht auf einem Server liegt, sondern dezentral in einem Netzwerk von unzähligen Rechnern verteilt ist. Jeder dieser Rechner besitzt eine identische Version der Blockchain.

Die Erstellung eines neuen Blocks, also das Schreiben neuer Daten auf die Blockchain, findet ebenfalls durch einen dezentralen Prozess statt, der auf einem kryptografischen Verfahren basiert. Vereinfacht beschrieben wird dabei die Transaktionsanfrage in das Netzwerk geschickt und der Rechner, der am schnellsten eine bestimmte mathematische Aufgabe löst, darf den neuen Block validieren. Ein neuer Ketten-Block ist entstanden. Die Komplexität des Gebildes wird zusätzlich durch die Verbundenheit der Blöcke einer Kette untereinander gestärkt. So enthält jeder Block eine Art Prüfsumme, eine errechnete Zusammenfassung, aller vorangegangenen Blöcke.

Vorteile: Wofür ist das (nun) gut?

  • Dezentralität: Statt von einer zentralen Instanz (Institution, Unternehmen etc.) wird die Blockchain von der Gesamtheit des Netzwerkes überwacht, gespeichert und verwaltet. Der Gedanke dahinter ist, dass Nutzer in diesem dezentralen Netzwerk untereinander freier und sicherer Transaktionen durchführen können.
  • Fälschungssicherheit: Durch die kryptografische Verbundenheit der Blöcke gilt die Blockchain als nicht manipulierbar, da bei jeder nachträglichen Änderung in einem Block die Prüfsumme nicht mehr übereinstimmt. Man müsste demnach alle Blöcke manipulieren, was praktisch unmöglich ist. Zudem hilft auch hier, dass die Blockchain in einem dezentralen Netzwerk liegt, jede Änderung müsste auf allen Rechnern der Blockchain manipuliert werden.
  • Transparenz: Die Transparenz bedeutet eine verbesserte Nachvollziehbarkeit der auf der Blockchain abgelegten Daten. Sie lassen sich nicht von einzelnen im Netzwerk ohne weiteres löschen. Somit hat jeder Zugriff auf alle Blöcke und die enthaltenen Daten. Die Nutzer hinter den Transaktionen sind allerdings anonymisiert.

Blockout: Welche Nachteile hat die Blockchain?

  • Der Energiebedarf: Bei jeder Transaktion auf der Blockchain werden mit enormer Rechenleistung kryptografische Berechnungen durchgeführt, um neue Blöcke zu validieren. Es gibt Analysen, die besagen, dass digitale Zahlungssysteme mehr Strom verbrauchen als Staaten wie Irland oder Marokko. Das Problem wurde von den Entwicklern erkannt und Lösungen werden in spezifischen Foren (im doppelten Sinne) heiß diskutiert.
  • Skalierbarkeit: Dass es Herausforderungen mit der Schnelligkeit sowie der Anzahl der Transaktionen auf der Blockchain gibt und die Speicherkapazität Fragen aufwirft, wird in der Szene ausführlich thematisiert. Aktuell werden nahezu täglich neue Lösungsansätze veröffentlicht.
  • Kein Standard, keine Regulierung: Wer sich mit der Blockchain-Technologie auseinandersetzt, bemerkt rasch: Blockchain ist nicht gleich Blockchain. Neben dem Unterschied zwischen öffentlichen und privaten Blockchains gibt es verschiedene Prinzipien der Block-Generierung. Zudem werden aktuell zahlreiche technologische Varianten für die Verbesserung der Skalierbarkeit diskutiert - was sich durchsetzt, darüber sind sich die Experten noch nicht einig. Hinzu kommt die völlig unregulierte Finanzierung der Blockchain-Startups, welche teilweise unbemerkt von der Öffentlichkeit enorme Summen an realem Geld eingenommen haben. Diese Finanzierungsrunden, die als Inicial Coin Offerings (ICO) oder Token Sales bezeichnet werden, unterliegen in den allermeisten Fällen keinem Recht oder Gesetzen. Wenn das Geld durch kriminelle Aktionen verloren geht, kann man nicht auf staatliche Hilfe zurückgreifen.

Travel Industry: Revolutioniert die Blockchain die Reiseindustrie?

Anders als in anderen Branchen gibt es bislang nur sehr wenige realisierte Projekte und Geschäftsmodelle, die das Potential der Blockchain für den Tourismus belegen. Die TUI hat zwar eine eigene interne Blockchain namens Bed Swap realisiert, die die Auslastungssteuerung von Hotelbetten und länderübergreifende Transaktionsprozesse optimieren soll - ob die Technologie sich bisher bewährt hat, ist allerdings nicht bekannt. Ein anderes Beispiel ist die AXA Versicherung, die eine Blockchain nutzt, um Fluggäste nach Flugausfällen automatisiert zu entschädigen.

Immerhin: Amadeus veröffentlichte Ende 2017 ein Whitepaper, in dem vier mögliche Anwendungsfälle für die Blockchain aufgeführt werden: Optimierung der Loyalitäts-Programme für Kunden, Echtzeittracking von Gepäck, Vereinfachung des Vertragswesens zwischen den Akteuren im Tourismus und die Verbesserung der sicheren Identitätsbestimmung einer Person während einer Reise. Berichten zufolge soll Amadeus bereits in der Entwicklung einer Blockchain-Anwendung für die Gepäcknachverfolgung stecken.

Auch der Verband der Luftfahrtindustrie IATA hat auf dem World Financial Symposium 2016 bereits erste Überlegungen veröffentlicht. Der IATA Coin soll als einheitliche Währung die anfallenden Geldtransfers von der Reisebuchung des Kunden bis zu den Flughafengebühren für Airlines effizienter und schneller gestalten.

Teils vielversprechend sind die touristischen Blockchain-Startups, die sich in den letzten Jahren gebildet haben, um möglicherweise bereits 2018 an den Start zu gehen. Ob die Ankündigungen gehalten werden können, erfahren wir, wenn wir die Entwicklungen folgender Projekte verfolgen: Lotus, Cool Cousin, A2B Taxi, Concierge.io, Trippki, Further und natürlich Winding Tree.

Winding Tree: The next big thing?

Schon seit einiger Zeit wabert dieser Name durch die Tourismus- und Blockchain-Branche. Dahinter steckt eine als Stiftung in der Schweiz registrierte, dezentrale Datenbank, die auf der Blockchain-Technologie basiert und als B2B-Vertriebsnetzwerk für touristische Leistungen fungieren soll.

Damit ist Winding Tree kein klassisches Unternehmen, sondern eine DAO (decentralized autonomous organization) - eine denzentrale Organisation, die durch sogenannte Smart Contracts nur auf der Blockchain existiert. Alle Informationen, Prozesse und Entscheidungen werden per Codes in den Smart Contracts dezentral und öffentlich organisiert, bearbeitet und geändert. Selbst die Finanzierung einer DAO findet über die Blockchain mittels eigens erschaffener Kryptowährung statt, im Falle von Winding Tree nennt sich die Währung Líf.

Nach ausgiebiger Testphase soll mit Winding Tree ein dezentraler Marktplatz entstehen, auf dem Leistungsträger wie Hotels, Fluggesellschaften oder Reiseveranstalter mit eigenen, blockchainbasierten Anwendungen direkt auf den Kunden treffen. Laut der Gründer soll Winding Tree als Innovationsplattform für die Tourismusindustrie dienen, ohne nach Macht und Gewinnmaximierung zu streben. Damit setzt das Startup auf ein Geschäftsmodell, welches genau entgegengesetzt der großen Player wie Priceline/Booking.com, Expedia, Airbnb oder Sabre agieren würde.

Tatsächlich ist der Grundgedanke so interessant, dass Unternehmen wie Lufthansa, Air New Zealand, Nordic Choice Hotels oder der karibische Inselstaat Aruba sich dem Projekt angeschlossen haben. Die Teilnehmer hoffen darauf, so ihre Unabhängigkeit von den intermediären Plattformen (zurück) zu erlangen und ihre Angebote und Leistungen direkt dem Kunden anbieten zu können.

Der Inselstaat Aruba wirft aus einem ähnlichen Grund den Hut in den Ring: ein Großteil der Umsätze, die auf der Insel im Tourismus umgesetzt werden, wandert in die Kassen ausländischer Konzerne. Mit Hilfe des Winding Tree-Marktplatzes möchte die Regierung dies ändern und heimische Reiseanbieter direkt mit den Touristen verbinden. Am 15. Februar 2018 war das Ende der offiziellen Finanzierungsrunde. Es ist davon auszugehen, dass das Winding Tree-Team eine beträchtliche Summe eingesammelt hat, mit der die weitere Entwicklung gesichert ist.

Wenn man sich allerdings näher mit Winding Tree beschäftigt, kommen auch einige Fragen auf, die Zweifel an dem Konzept hervorrufen: Was passiert, wenn sich plötzlich Fake Hotels auf dem Marktplatz tummeln? Führt die Transparenz der Blockchain dazu, dass ein Vertragspartner sehen kann, dass er mehr für den Kauf einer Leistung zahlen muss als ein Wettbewerber, auch wenn dieser anonym bleibt? Will ich, dass all meine Buchungen ewig auf der Blockchain liegen?

Auch die Volatilität der Kryptowährungen und die Skalierbarkeit der Blockchain werden vielfach in Beiträgen und Artikeln kritisch diskutiert. Nun liegt es an den Entwicklern, die Skeptiker von der Funktionsfähigkeit dieser Blockchain zu überzeugen.

Anwendungsfelder: Blöcke für alle Fälle?

Die Anwendungsfelder der Blockchain scheinen unersättlich: Während die Logistik hofft, die Nachverfolgung von Produkten auf der Lieferkette zu optimieren, will die Diamantenindustrie beispielsweise unveränderbare Merkmale der Diamanten auf der Blockchain ablegen, um Fälschungen vorzubeugen.

Überall dort, wo Informationen und Transaktionen, also Daten zwischen Partnern, die sich nicht kennen bzw. sich nicht vertrauen können, fälschungssicher und automatisiert ausgetauscht, archiviert und verifiziert werden müssen, könnte die Blockchain das richtige Mittel sein. Zudem könnte mit dem Einsatz der Technologie viel Geld für komplizierte Geschäftsprozesse gespart werden. Von Verwaltungsorganen bis hin zur Musikindustrie könnten viele Branchen von der Blockchain profitieren.

Für die Tourismusbranche gilt dies insbesondere bei jeglicher Art von Reservierungs- und Buchungssystemen. Die Blockchain könnte zudem den Check-in-Prozess samt Eintrittskontrollen in Hotels und Ferienhäusern sicherer gestalten, Kreditkartenbetrug in der Hotellerie eindämmen oder die Abrechnung von Fahrten bei Carsharing-Dienstleistern, öffentlichen Verkehrsmitteln sowie Mietwagen automatisieren.

Ausblick: Gekommen um zu bleiben?

Die Blockchain wird es nicht leicht haben: Staat, Gesellschaft und Wirtschaft sind ohnehin überfordert mit der Digitalisierung - da kommt die Blockchain quasi zur Unzeit. Zudem wird die Blockchain oft in einem Atemzug mit dem Bitcoin genannt und stößt damit aus Skepsis vor der Kryptowährung bei vielen auf Ablehnung.

Dennoch ist die disruptive Energie der Technologie und der Idee des dezentralen Netzes mitunter so tiefgreifend, dass es nur schwer vorstellbar ist, die Blockchain könne sich nicht durchsetzen.

Noch warten die Experten gespannt auf die erste "Killer-Anwendung" und es ist durchaus möglich, dass die Tourismusbranche hierbei der Türöffner ist. Mit Winding Tree und weiteren Travel-Startups wurde der Wettkampf eröffnet. Die Global Player fühlen sich herausgefordert und werden nicht untätig bleiben. Ob der Endkunde von all dem Trubel aber überhaupt Notiz nimmt oder im besten Falle merklich davon profitiert, ist jedoch vorerst fraglich.

Eines können wir sicherlich ganz einfach beantworten: Werden OTAs oder GDS Systeme in naher Zukunft überflüssig? Wohl kaum. Selbst der Winding Tree Gründer Maksim Izmaylov hat hier eine klare Meinung, sein dezentraler Marktplatz ist nicht angetreten, um Unternehmen zu ersetzen, sondern um Prozesse und Geschäftsmodelle im Tourismus umzukrempeln. Aus seiner Sicht bleiben die Global Player des Tourismus weiterhin Akteure in der Branche, so lange sie ihre quasi monopolistischen Geschäftsmodelle überdenken und anpassen.

Man darf aber getrost davon ausgehen, dass die großen Konzerne alles in die Waagschale werfen werden, was sie aufbringen können. Und das ist offenkundig eine Menge: Know How, Innovationskraft, WoManpower und viel Geld. Noch sind viele touristische Leistungsträger von ihnen abhängig. Das bedeutet jedoch nicht, dass Airlines, Reiseveranstalter oder Hoteliers nicht offen sein können für neue Alternativen.

Und der Gast? Dem ist vorrangig wichtig, dass er seine Reise möglichst einfach und zu optimalen Konditionen im Netz finden und buchen kann. Welche Technologie oder welche Algorithmen dahinterstecken, ist ihm meistens egal.

Bleiben wir also offen, für das, was da kommt, wo die Reise hingehen wird und ob die Blockchain eine Kette für die Ewigkeit wird!



Über den Autor

Leonardo Neumann

Leonardo studierte Internationales Tourismusmanagement an der Hochschule Bremen. Schon nach der Schule, während er seine Ausbildung im Maritim Hotel Bremen absolvierte, schnupperte Leonardo zum ersten mal Luft in der Tourismus-Branche. Auch nach seiner Ausbildung blieb er dem Tourismus treu und studierte „Internationales Tourismusmanagement“ an der Hochschule Bremen. Im Anschluss war er bei einem Reiseveranstalter in Freiburg tätig, bevor er in das Projektmanagement einer Stadtmarketing Agentur wechselte. Seit Oktober 2017 ist Leonardo Teil des netzvitamine-Teams.

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